Was heißt eigentlich Prozessorganisation?

Begriffe im Prozessmanagement

Begriffe im Prozessmanagement

Kennen Sie das auch? Es gibt Begriffe, die scheinen einem seit Jahren klar zu sein, und plötzlich – beim längeren darüber Nachdenken – ist nichts mehr klar. Mir geht es gerade beim Begriff Prozessorganisation so. Ich mache seit 25 Jahren ja nun wirklich nichts anderes als mich mit Prozessen zu beschäftigen, aber was ist denn nun konkret „Die Prozessorganisation“? Ins Grübeln kam ich, als ich über den Titel unseres ibo-Trendforums „Prozessorganisation und -rollen: Die Erfolgsfaktoren jeder Prozessmanagement-Einführung“ nachdachte. Folgende drei möglichen Interpretationen kamen mir in den Sinn:

1. Erklärungsansatz

Früher war die Welt noch einfach, da gab es die Aufbau- und Ablauforganisation. In den 90-er Jahren verdrängte nicht zuletzt durch den Erfolg des Standardwerkes von Michael Hammer und James Champy „Business Reengineering“ der Begriff Prozess das Wort Ablauf. Das war auch für Wolfgang Liebelt und mich 1997 der Grund, das in den ersten drei Auflagen noch „Grundlagen der Ablauforganisation“ benannte Buch in „Grundlagen der Prozessorganisation“ umzutaufen. Mit diesem Begriffsverständnis kann man Prozessorganisation wie Götz Schmidt in seinem Klassiker „Organisatorische Grundbegriffe“ definieren: „In der Prozessorganisation werden logische Folgebeziehungen geregelt. Darüber hinaus werden deren zeitliche, räumliche und mengenmäßige Dimensionen konkretisiert. Es handelt sich um dynamische Zusammenhänge – im Unterschied zu den statischen Beziehungen in der Aufbauorganisation.“

2. Erklärungsansatz

Schaut man heute in Wikipedia den Begriff Prozessorganisation nach, findet man folgende Aussage: „In einer Prozessorganisation ist ein Unternehmen nach durchgehenden Geschäftsprozessen modelliert.“ Dieses Verständnis von Prozessorganisation betont mehr den Paradigmawechsel in der Organisation. Noch bis zu Beginn der 90er Jahre besagte die gängige Lehre, erst die Aufbauorganisation zu gestalten, um dann in der Folge bei bestehenden Abteilungen und Hierarchien die Teilabläufe bestmöglich aufeinander abzustimmen. Mit dem Buch von Michael Gaitanides „Prozessorganisation“ und dem amerikanischen BPR-Ansatz änderte sich langsam das Meinungsbild zugunsten des 90Grad-Shifts. Erst werden die End-to-end-Prozesse an den Werten des Kunden ausgerichet gestaltet und dann im zweiten Schritt aufbauorganisatorisch verankert. In diesem Sinne versteht man unter Prozessorganisation also eher ein „prozesszentriertes Unternehmen“ oder eine „prozessorientierte Aufbauorganisation„.  Inwieweit eine solche von mir auch als „Reine Prozessorganisation“ bezeichnete Organisationsstruktur in der Praxis wirklich sinnvoll ist, ist sehr fraglich. Ausführliche Argumente für und wider der „Reinen Prozessorganisation“ im Vergleich zur funktionalen Organisation und der Matrixorganisation finden sich in meinem „Praxishandbuch Prozessmanagement„.

3. Erklärungsansatz

Schließlich findet man den Begriff Prozessorganisation auch im Zusammenhang von Rollen und Stellen, die mit der Einführung von Prozessmanagement in Unternehmen institutionalisiert werden. Das Kapitel 8  des BPM CBOK der ABPMP widmet sich unter der Überschrift „Process Organization“ genau diesen Themen. Welche Aufgaben,
Kompetenzen und Verantwortlichkeiten haben Rollen wie Prozessmanager und Prozessverantwortliche?  Wie werden Gremien wie Prozesslenkungsausschuss oder Prozessarchitekturboard ausgestaltet und besetzt? Um in der deutschen Übersetzung des CBOK keine Missverständnisse zu produzieren, wurde „Prozess Organization“ nicht mit Prozessorganisation sondern mit „Prozessmanagement-Organisation“ übersetzt.

Und nun?

Ich habe es längst aufgegeben, bei Managementkonzepten oder betriebswirtschaftlichen Disziplinen exakte und durchgängige Definitionen zu erwarten. Mein Anspruch ist es, zumindest in der eigenen Begriffswelt des ibo-Prozessfensters® klar zu sein. Und das ist schwer genug. Nach dem ganzen Nachdenken über den Begriff „Prozessorganisation“ bleibe ich für mich beim ersten Erklärungsansatz. Bei der zweiten Interpretationsmöglichkeit werde ich (trotz Wikipedia) weiterhin von prozessorientierter Aufbauorganisation in der Form der „Reinen Prozessorganisation“ reden. Und das dritte skizzierte Verständnis von Prozessorganisation ist in meiner Denke mit Prozessmanagement-Organisation besser beschrieben. Also hätte das ibo-Trendforum richtigerweise „Prozessmanagement-Organisation und -rollen: Die Erfolgsfaktoren jeder Prozessmanagement-Einführung“ heißen sollen. Aber diese Begriffswirrungen haben wahrscheinlich nur mich gestört 😉

4 Kommentare

  1. Hallo Herr Fischermanns, ich bin per Zufall auf den Artikel gestoßen, als ich den Begriff Prozessorganisation gegoogelt hab. Danke für die ausführliche Erläuterungen!!
    Schönes Wochenende und liebe Grüße,
    Andi

  2. Hallo Herr Fischermanns, da schliesse ich mich Ihnen und meinem lieben Kollegen Stefan Studer an. Bei der AXA Schweiz verwenden wir konsequent immer mal wieder den Zusatz „Management“. So gibt es dann eben einen „Prozess-Sponsor“ (der den einzelnen Prozess „finanziert“) aber eben auch einen „Prozess-Management-Sponsor“ (der die Disziplin des BPM „finanziert“). Gelegenheiten für Verwirrung gibt es immer noch genügend, aber so können wir wenigstens intern konsistent kommunizieren. Generell bleibt: Die Begriffs-Verwirrungen, da kommen dann neben den offiziellen Quellen wie Bücher auch noch die individuellen Färbungen der Anwender dazu (!), rauben mir bisweilen noch die letzten Haare. Gruss und danke, René Spengler

  3. Lieber Guido, ich bekenne: auch ich störe mich an den Begriffsverwirrungen 😉 Drum schätze ich diese Blogposts von Dir. Herzlichen Dank! Stefan

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